Wie krank ist die Wied?

 

Die Wied als größter Mittelgebirgsfluss im Westerwald ist gemäß EU-Wasserrahmenrichtlinie ökologisch in einem unbefriedigenden Zustand.

 

In mehreren öffentlichen Bekanntmachungen wurde den Bürgerinnen und Bürgern Deutschlands vermittelt, dass die Mehrheit der Binnengewässer (93% in Deutschland) in einem wenig guten Zustand ist. 

In den letzten Jahren erfuhr man durch Forschung immer mehr Erkenntnisse über das komplexe Ökosystem Bach und Fluss im Bereich der Unterwasserzone. Aufgrund dieses erweiterten Wissens wurde die EU-Wasserrahmenrichtlinie fortlaufend aktualisiert.

 

Nach aktuellem Stand gehen für eine Bewertung vier Qualitätskomponenten ein. Dies umfasst die aquatische Flora einschließlich Phytoplanton (kleine frei schwebende Algen). Hinzu kommt die benthische Wirbellosenfauna, dies sind Organismen, die auf dem Gewässergrund und im Gewässerboden bis zu einer Tiefe von ca. 30 cm leben. Gemäß Taxaliste sind dies ca. 4000 Arten. Zudem folgen die Fischfauna und die Gewässerchemie.

Das schlechteste Ergebnis einer Qualitätskomponente (Saprobienindex) geht als Gesamtergebnis ein.

Allein in Rheinland-Pfalz gibt es neun Gewässertypen. Der artenreichste und meist vorkommende ist der silikatische fein-grobmaterialreiche Mittelgebirgsfluss, wie z. B. die Wied, die Ahr oder die Nister als größter Seitenfluss der Sieg.

Entscheidend für die Gesamtproblematik sind vor allem unsere nährstoffange- reicherten Gewässer, ob über Kläranlagen oder diffuse Einträge aus der Landwirtschaft.

Die Eutrophierung ist der Auslöser für das Algenwachstum (ca. 3000 Arten). Doch welcher Stoff löst das Algenwachstum aus?

Es sind im Süßwasserbereich erstaunlicherweise nicht die Stickstoffver- bindungen, sondern das gelöste Phosphat als Indikator im Wasserkörper. Wissenschaftlich belegt ist, dass bereits 15 Millionstel Gramm pro Liter Wasser an Phosphat über 80% des möglichen Algen-Wachstums durch Kieselalgen auf dem Fließgewässergrund auslösen können.

Vorliegende Daten unserer Gewässer in Rheinland-Pfalz zeigen zu 99,9%Phosphatwerte über dem Grenzwert von15 Millionstel Gramm pro Liter Wasser. Durch die Nachrüstung der Kläranlagen mittels der 3. Klärstufe (Ausflockung der Phosphate mittels Eisensulfat) konnte bis heute ca. eine Halbierung des Eintrages in unseren Fließgewässern erreicht werden, aber dies reicht nicht aus. Aktuell liegt der Phosphatgehalt z. B. in der Wied als auch in der Nister bei 70 Millionstel Gramm pro Liter Wasser. Ein Vielfaches des Grenzwertes. Dieses landesweite Problem werden wir auch in naher Zukunft nicht los.

 

Das Naturgesetz der Botton-up Steuerung belegt, das bei hoher Primärproduktion (wie Algen) in der linearen Nahrungskette bezüglich Korrelation zwischen Steuergröße und Biomasse diese immer positiv ausfällt. Es erfolgt ein Ausgleich zwischen Produzenten und Konsumenten in einem stabilen Ökosystem der Unterwasserzone.

Betrachten wir die Wied früherer Zeiten, so war ein großer Fischreichtum bekannt.

Hebenetzbefischung ab Ende des 19-zenten Jahrhunderts als Ergänzungsnahrung in ärmeren Zeiten im Bereich Mittel- und Unterlauf des Gewässers. Diese damalige hohe Fischpopulation konnte nur möglich sein durch ein großes Nahrungsangebot an Kieselalgen auf dem Gewässergrund. Voraussetzung hierfür musste eine Nährstoffanreicherung an Phosphat oberhalb des Grenzwertes von 15 Millionstel Gramm gewesen sein wie gegenwärtig vorhanden.

Noch bis Herbst 1992 war der Fischbestand an der Wied aufgrund von 100 detaillieren Einzeluntersuchungen vor allem in der Barbenregion durch das Institut Dr. Ulrich Schwevers und Frau Dr. Adam in einem sehr guten Zustand. Bezüglich der Abundanz (Dichte) gab es Fischbestände, die zwischen 14 und 25 Zentner/ha bezogen auf die Gewässeroberfläche lagen. 19 Fischarten wurden damals ermittelt, der Kleinfischanteil lag bei ausgeglichenen 22%.

Die Fischfauna-Erhebung des Dipl.-Biol. Steinmann & H.-J Ennenbach aus dem Jahr 2006 unterhalb Niederbreitbach am Unterlauf der Wied belegte noch 11 Fischarten und wies das Ergebnis als "noch ausreichend" aus. Der Kleinfischanteil lag vor 10 Jahren bei bedenklichen 83%.

Die aktuelle Fischfauna Erhebung aus dem Jahr 2013, ebenfalls erhoben von Herrn Steinmann, weist vom Oberlauf bis zur Mündung nach dem derzeitig gültigen fischbasierten Bewertungssystem einen Saprobienindex im Mittel von 1,85 gleich unbefriedigend auf. Alle Teilergebnisse liegen unter dem Index von 2,0.

9 Fischarten konnten nur noch nachgewiesen werden.

Der Kleinfischanteil mit 98,7% ist der Beleg für das Fehlen an Raubfischen. Auf ca. 250 m Gewässerlänge wurden 4394 Elritze, 3842 Schmerlen in einem Gewässerteilabschnitt nachgewiesen. Keine große Fischart wurde ermittelt.

Dieses Ergebnis belegt die Instabilität der Wied bezüglich Fischfauna, sie fällt ökologisch im gesamten Steckenverlauf durch.

Aber nicht nur dies.

Betracht man die Gewässerchemie, so kommt es aufgrund fehlender Abwei- dung der benhischen Algen auf dem Gewässergrund durch herbivore (Pflanzen fressende) Fischarten, wie vor allem dem damaligen Massenfisch die Nase, zu ungehindertem Algenwachstum.

 

Dies fördert bei verstärkter Photosynthese zusätzlichen Entzug von Kohlendioxid aus dem Wasserkörper. Der Säureanteil sinkt. PH Werte bis 12 sind nachgewiesen, für viele Organismen ist dies lebensbedrohlich.

Hiermit gekoppelt ist auch eine Erhöhung des hochgiftigen Amoniak (NH3) zum Nachteil für Fische. Hohe Schwankungen des Sauerstoffgehaltes.

 

Die Gewässerchemie der Wied ist in einem mangelhaften Zustand.

Bereits im März jeden Jahres erfolgt das Absterben der Algen, was zur Kolmation führt.

Das hyporeische Interstital (Kieslückensystem) verstopft, was zur starken Verminderung des lebensnotwendigen Sauerstoffs im Gewässerboden führt.

Die Bewertung des zwischen Wasserfreizone und dem Gewässergrund lebende Makrozoobenthos (Tiere größer 0,5 mm, bis 400 Arten) scheint sich trotz verstärkter Kolmation aufgrund noch guter Sauerstoffwerte vor allem in schneller fließenden Gewässerabschnitten nicht negativ auszuwirken, da die Wied hier relativ gute Untersuchungsergebnisse aufweist.

Die Stromerzeugung aus Wasserkraft wird immer als umweltfreundlich darge- stellt. Betrachtet man die größeren Staustufen z. B. in Hausen und Altwied, so sind diese untypisch und wirken für die Wied wie ein Fremdkörper. Dies nicht nur wegen den Problemen in Bezug auf Durchgängigkeit. In den Gewässer- staubereichen kommt es zu erheblichen Ablagerungen mit Fäulnisbildung abgestorbener Kieselalgen was zum Erliegen des Sauerstoffgehaltes im Gewässerboden und der Selbstreinigungskraft des Flusses führt.

Die Artenvielfalt, Abundanz und Gildenverteilung des Meiobenthos und Mikrobenthos in der Bodenmatrix bis 30 cm Tiefe (ca. 3700 Arten) wie z. B. Rädertierchen, Kleinkrebse, Fadenwürmer, Wimpertierchen, Bakterien und Pilze sind für die Selbstreinigungskraft eines Fließgewässers entscheidend.

Wie sich dies durch Kolmation bei nachgewiesen gemindertem Sauerstoffgehalt aufgrund fehlender Fischfauna im Kieslückensystem auswirkt wird noch an der Nister erforscht. Teildaten liegen bereits vor.

Sicherlich kann der Eintrag von Arzneimitteln und resistenten Krankheits- erregern in unseren Gewässern vermindert werden. Eine Nachrüstung unserer großen Kläranlagen mit der vierten Klärstufe bestehend aus UV-Bestrahlung kombiniert mit Aktivkohlefiltrierung ist möglich.

Auf Fische wirkt sich aber die chemische Belastung nicht negativ aus, da sich Kleinfischarten wie die empfindliche Elritze, Schmerle und Groppe durch fehlende Räuber in der Nahrungskette um ein vielfaches in der Wied und zahl- reichen anderen Fließgewässern vermehrt haben.

Der immer wieder angeprangerte chemische Zustand der Gewässer ist gar nicht so schlecht, aber um Polemik zu machen wird er dafür genutzt.

 

Ab Beginn der 80-ziger Jahre konnte die biologische Belastung in unseren Gewässern durch die zweite Klärstufe (aerober Abbau durch Bakterien) wirkungsvoll und entscheidend reduziert werden.

In der Folgezeit bewirkt die fehlende Fischfauna indirekt in unseren phosphatreichen Binnengewässern wieder verstärkt eine biologische Belastung durch ungebremstes Algenwachstum. Dies liegt im Widerspruch zur Zielsetzung eines ökologisch guten Zustandes unserer Bäche und Flüsse.

 

Was führte nun zu dem Einbruch der Fischfauna in der Wied?

War im September 1992 die umfangreiche fischereibiologische Untersuchung mit dem Gesamtergebnis „gut“ abgeschlossen, wurde ab Anfang Oktober 1992 bis März des Folgejahres erstmalig das Einfliegen der Kormorane in Schwarmformation von Gewässeranliegern an der Wied beobachtet. Diese Veränderung äußerer Einflüsse am Gewässer hielt über zwei Jahres an. Ornithologisch belegt überwinterten am Urmitzer Wehr in dieser Zeit ca. 1000 Kormorane. Diese drangen bei ihren Raubzügen in die Wied ein.

In der Zeit vom 30.10.1992 bis 06.11.1992 wurden in einem Gewässerabschnitt der Wied unterhalb Niederbreitbach auf einer Teilstrecke von ca. 2 km an fünf Tagen über 630 Fischfresser bei ihrer Nahrungssuche gezählt.

Dies hochgerechnet über zwei Winter verwundert nicht den Rückgang der Fischfauna um ca. 95%, heute liegt dieser bei ca. 99%. Durch dauerhafte Präsenz des invasiven, gebietsfremden Chinesischen Kormoran ( Phalacrocorax carbo sinesis) mit einer Nahrungsaufnahme von ca. 500 g Fisch pro Tag haben wir heute einen ökologisch mangelhaften Zustand der Wied.

Trotz aller Anstrengungen bei der wichtigen Wiederherstellung der Durch- gängigkeit und Renaturierung unserer Fließgewässer zwecks Erhöhung der Diversität und Habitatsfunktion kann dies nur in Verbindung mit stabilen Fischbeständen erfolgen.

Diese nehmen nun mal die oberste Trophie (Ebene) in der linearen Nahrungs- kette der aquatischen Zone ein. Fehlt diese, so ist eine Instabilität des Gewässers unvermeidlich.

Ob und wie lang es braucht eine intakte Fischfauna wieder aufzubauen, um den Beitrag für einen guten ökologischen Zustand wieder herzustellen, hängt davon ab, wie man politisch und behördlich mit der Kormoranproblematik umgeht. Das Erreichen zwecks Einhaltung der EU-Wasserrahmenrichtlinie bis zum Jahr 2027 kann nur unter der unabdingbaren Voraussetzung einer fehlenden Kormoranpräsenz im Binnenland gelingen.

Stellen wir uns dieser Aufgabe nicht und schauen weg, so wird uns die Nachfolgegeneration danken und auch dafür bezahlen, darüber hinaus dies nicht nur finanziell.

 

Aufgestellt: Juli 2018

Walter Hammes, NABU Waldbreitbach